Geschichtliches zum Friedhof „Königsesch“
Als im Jahre 1918 die erste Beerdigung auf dem Friedhof „Königsesch“ stattfand, gab es längst eine weit über 1000-jährige Begräbnisgeschichte der Dionysius-Pfarre zu Rheine. Wie es heute noch in den Bergdörfern Tirols und anderswo üblich ist wurde auch in Rheine die Toten „auf dem Kirchhof“ – also rund um die Kirche beerdigt. Der plattdeutsche Ausdruck „Kiärkhof“ für Friedhof erinnert noch daran.
Ein Erlass Napoleons aus dem Jahre 1804 ordnete an, dass Friedhöfe aus hygienischen Gründen – wie es damals hieß – außerhalb der Stadtmauern angelegt werden müssten. Daraufhin kam es auch in Rheine im Jahre 1807 zum ersten Friedhof außerhalb der Stadtmauern an der Salzbergener Straße. Auf diesem Friedhof wurden die Toten von Rheine Stadt und Land bis 1908 beerdigt. Von da ab waren hier Beerdigungen in Reihengräbern nicht mehr erlaubt. Nur die Gruften, die über diese Zeit hinaus vergeben waren, durften weiterhin belegt werden.
Inzwischen war ein neuer Friedhof rechts der Ems in Eschendorf entstanden. Er galt jetzt als Zentralfriedhof für das inzwischen gewaltig angewachsene Rheine rechts und links der Ems.
Doch von Anfang an gab es große Klagen über die weite Entfernung dieses Friedhofs für die Bewohner links der Ems.
Im Protokoll 30. Mai 1916 des Kirchenvorstandes von St. Dionysius heißt es dazu:
„Der Vorsitzende (Pfarrer Fabry) berichtet, dass seit Beginn seiner Amtstätigkeit von verschiedenen Kreisen der Bevölkerung lebhaft Klagen über die weite Entfernung des Zentralfriedhofes bei ihm geführt sind und der dringende Wunsch geäußert ist, einen eigenen Friedhof in der Dionysius-Pfarre zu besitzen. …….. Schon die Notwendigkeit, mit dem Leichenkondukt die steil abfallende und verkehrsreiche Emsstraße passieren zu müssen, wurde stets als ein misslicher Übelstand bitter empfunden.
(Der) Kirchenvorstand glaubt, diesen vielfachen Wünschen Rechnung tragen und nunmehr ernstlich den Erwerb eines eigenen Friedhofs ins Auge fassen zu müssen. Zu diesem Zwecke wird eine Kommission ernannt und beauftragt, einen geeigneten Platz zur Anlage eines Friedhofes ausfindig zu machen und den Erwerb desselben in die Wege zu leiten.“
Aber bevor dieser Plan ausgeführt werden konnte, musste man sich mit der neuen Antonius-Pfarre links der Ems („Basilika“) auseinandersetzen, die mit St. Dionysius zusammen das Eigentumsrecht an dem Zentralfriedhof besaß.
Dazu heißt es in der Kirchenvorstandssitzung vom 7.11.1916:
„Um zugleich hinsichtlich der anormalen Friedhofsverhältnisse, unter denen St. Dionysius schwer leidet, eine beide zufriedenstellende Regelung herbeizuführen, ist (der) Kirchenvorstand gewillt, nach Erwerb und Inangriffnahme eines eigenen Friedhofs auf das Verwaltungs- und Eigentumsrecht bezüglich des Zentralfriedhofes zu verzichten und diesen ganz St. Antonius zwecks Verwertung für eigene Friedhofszwecke zu überlassen.“
Am 2.Februar 1917 heißt es folglich:
„(Der) Kirchenvorstand, in seiner Vollzahl versammelt, beschließt einstimmig: zwecks Anlage eines neuen, eigenen Friedhofes für die St. Dionysius-Pfarre den in Bentlage, Gemeinde Rheine l. d. E. gelegenen „Königsesch“ in Größe von 9,14,99 ha zum 1. April auf Grund des vorliegenden notariellen Vertragsangebotes zum Preise von 60 000 Mark käuflich zu erwerben.“
Zur Begründung wird unter anderem nachgeliefert:
„Ein so günstiges Angebot für Erwerb eines neuen Friedhofes als es in dem der Witwe Schulte Wissing vorliegt, wird dem Kirchenvorstande niemals wieder gemacht werden.“
„(Der) Kirchenvorstand kann es nicht verantworten, diese einzige Möglichkeit zu verabsäumen, und dem unerträglichen und unnatürlichen Zustande der Kirchengemeinde hinsichtlich des Begräbniswesens endlich ein Ende zu machen und fühlt sich bei sicherer Deckung der entstandenen Unkosten, ohne irgendeine Erhöhung der Kirchensteuer befürchten zu müssen, verpflichtet, einem eigenen Friedhof nunmehr zu entsprechen.

So kam es dann im Juni 1918 zum ersten Begräbnis auf dem Friedhof „Königsesch“.

Der Name „Königsesch“ für diesen Friedhof wird in dem Buch: „Geschichte und Geschichten aus 50 Jahren St. Josef, Rheine“ aus dem Jahre 2002 so erklärt:
„Nach der Heimatsage sollen vor vielen Jahrzehnten der stolze Schulte Bentlage und der Baron von Twickel vom benachbarten Schloss Stovern beim Bentlager Schützenfest erbittert um die Königswürde gerungen haben. Beide kamen überein, ein Wettschießen zu veranstalten: Schulte Bentlage setzte sein bestes Pferd als Siegespreis ein, und der Baron von Twickel setzte den Esch am alten Unland dagegen. Schulte Bentlage ging als Sieger hervor, wurde „König“ und gewann den Esch, der seitdem im Volksmund den Namen Königsesch erhielt. Und so hat er sich, verfestigt auch durch die Benennung der
Königseschstraße, bis heut erhalten.“
Durch eine private Stiftung von 15.000 Mark wurde es möglich, den neuen Friedhof
„Königsesch“ nach den Plänen des Gartenarchitekten Bäumer zu gestalten.
Auch ein eigener Leichenwagen musste her. Er wurde 1926 in Auftrag gegeben.
Ein Hochkreuz von 10 Meter Höhe vom Telgter Kirchenkünstler Hans Dinnendahl konnte Allerheiligen 1934 eingeweiht werden und brachte von nun an unübersehbar den christlichen Charakter dieses Friedhofs zum Ausdruck. Es gilt als eines der markantesten Kreuzesdarstellungen in der damaligen Zeit. Zu Füßen dieses Kreuzes sind die verstorbenen Geistlichen und davor die Schwestern der St. Dionysius-Gemeinde beigesetzt. Etwas weiter entfernt haben die Opfer des 2. Weltkrieges ihre Ruhestätte gefunden: gefallene Soldaten, Opfer des Bombenkrieges und die Toten aus den
Kriegsgefangenenlagern.
Ein großes Eingangstor vervollständigte schließlich die gesamte Anlage dieses Friedhofs.
Eine Leichenhalle gab es bis Ende des 2. Weltkrieges nicht. Erst Ende der 40ger Jahre erhielt der Friedhof eine – wie sich bald herausstellen sollte – viel zu kleine Leichenhalle.
Sie dient heute als „Kerzenkapelle“.
Bereits 1961 wurde deshalb nach den Plänen des Architekten Niklas eine neue, große Leichenhalle errichtet, die noch heute ihren Dienst tut. Allerdings ist auch für sie längst eine Erweiterung um einige Verabschiedungsräume vorgesehen.




H. Tietmeyer, Propst em.